Warum ich nichts von Netzfreischaltern halte

Netzfreischalter (im folgenden NFS genannt) haben die Aufgabe, die Stromnetz- Wechselspannung von 230 Volt in Räumen abzuschalten, solange in diesen kein Netzstrom benötigt wird.

Hintergrund: Um einen elektrischen Leiter gibt es zwei Felder: das elektrostatische und das elektromagnetische.

Ein elektromagnetisches Feld baut sich nur auf, wenn ein Strom fließt. Da aber dann, wenn der NFS in Aktion treten soll, ohnehin kein Strom fließt (sonst könnte der NFS nicht abschalten), kann ein NFS magnetische Felder nicht verhindern oder verringern. (Zur Bewertung dieser Tatsachen kommen wir später.)

Das einzige, was ein NFS verringern kann, ist das elektrostatische Feld. Diese kann man z.B. um eine Stehlampe manchmal auch dann messen, wenn die Lampe abgeschaltet ist, nämlich vor allem dann, wenn der Schalter der Lampe nicht die stromführende Ader schaltet, sondern die den Strom “zurückführende” Ader. Grob gesagt steht der Strom dann in den Adern der Lampe in Wartestellung, kann zwar nicht fließen, aber eben besagtes elektrostatische Feld erzeugen und aussenden (Viele Menschen sprechen hier oft unkorrekt von abstrahlen).

Die ausgesendete Frequenz beträgt die des Stromnetzes, nämlich 50 Hertz, also 50 Schwingungen pro Sekunde. Der NFS kann nur die Ausbreitung dieser Netzfrequenz verhindern. Höhere Frequenzen sind zum einen kaum im Stromnetz vorhanden (Ausnahme: Powerline-Technik z.B. zur Übertragung von “Internet”), zum anderen springen höhere Frequenzen oft über diese einfache Art von Schalter hinweg.

Ein NFS verringert also nur einen sehr kleinen Ausschnitt aller elektrischen Felder, aber natürlich meßbar.

Generell ist zu sagen:

 

Elektrosmog

Wichtiger als die technische Beschreibung ist jedoch die Bewertung von Elektosmog allgemein.

Elektrosmog existiert, seit es elektrischen Strom gibt. Aber auch vorher schon gab es zum Beispiel das sich ändernde Magnetfeld der Erde und andere Funkwellen (z.B. von den sogenannten Quasaren). Die Wellen von Quasaren und anderen Funkwellen (man sagt auch oft -strahlung) sind natürlich sehr viel schwächer als was wir heute in normalen Wohnräumen so messen können.

Welche Wirkungen hat Elektrosmog?

Da gehen die Meinungen auseinander. Es gibt wohl sogenannte elektrosensible Menschen, die Kopfweh, Übelkeit verspüren oder ähnliches Unwohlsein. Oft ohne wissenschaftliche Experimente angestellt zu haben, glauben diese Menschen, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Elektrosmog (der wie gesagt meßbar ist) und ihrem Unwohlsein feststellen zu können.

Ich respektiere das, das heißt, wenn jemand sich unwohl fühlt, darf er oder sie im Rahmen seiner gesellschaftlichen Freiheit Maßnahmen ergreifen, das Unwohlsein abzustellen. Sprich: Ich würde nie über jemanden lachen, der seine Wohnung abschirmt.

Es stellt sich die Frage,

Dazu ist zu sagen: Eine Fähigkeit “Elektrosensibiltät” konnte bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden, d.h. konkret es gibt meines Wissens keinen Menschen, der durch seine besondere Fähigkeit das Vorhandensein z.B. eines Senders zuverlässig “fühlen” kann. Es gibt dagegen auch Berichte über plötzliches Unwohlsein an Stellen, an denen eine Mobilfunkantenne aufgestellt wurde, noch bevor der Sendemast in Betrieb genommen wurde.

Es wäre also nötig, im Bereich der Elektrosensibiltät weiter zu forschen.

Für die Nicht-elektrosensiblen Menschen: Bisher wurden einige tausend Studien weltweit zu Auswirkungen verschiedenster Funkwellen (wie die apostrophierte “Handystrahlung”) durchgeführt. Es mag durchaus sein, daß einige der Studien manipuliert oder von der Funkindustrie gekauft worden sind. So mag es auch sein, daß einzelne Studien von den Gegnern überinterpretiert wurden, aber für die Mehrheit der Studien gilt dies nicht. Es gibt auch schon Studien über diese Studien.

Was bei allen Studien wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, sind bisher zwei Wirkungen:

Auch wenn man eine Wirkung wissenschaftlich nachweisen kann (wie bisher in diesen beiden Fällen), muß man immer noch die Wirkung bewerten. Hier enden oft die Studien, den Bewertung ist immer persönlich abhängig. Es soll jedoch gesagt sein, daß z.B. die Sonne auch eine thermische Wirkung hat (das Ohr wird auch warm, wenn die Sonne drauf strahlt) und fast jede Art von Licht hat auch eine Wirkung auf den Melatoninstoffwechsel, helles weißes Licht wird seit Jahren erfolgreich als Therapie bestimmter Depressionen eingesetzt.

Wenn also ein Hormon zwar von Mobilfunk oder anderen Funkquellen beeinflußt wird, aber durch die Natur größeren Schwankungen ausgesetzt ist, wie soll man diese “Störung” bewerten?

Hier wird meiner Ansicht nach mangels fundierterem Wissen oft übertrieben.

Zudem: Wissenschaftlich ist eine Erkenntnis erst dann, wenn dasselbe Experiment von einer anderen Forschergruppe unter Verwendung derselben Methode bestätigt wurde. Eine Untersuchung alleine reicht leider niemals, um einen Effekt wissenschaftlich nachzuweisen. Wir Menschen müssen immer erst ein Modell für das Verhalten der Natur bilden, wei etwas funktioniert und dann das Modell bestätigen oder falsifizieren.

(Wenn wir kein Modell entwickeln, hat das den Nachteil, daß man dann auch nichts gegen den Effekt tun kann. Ohne Modell für das Verhalten der Natur oder des Menschen, = ohne Hypothese oder Wirktheorie – kann alles und nichts gleichberechtigt behauptet werden. Dazu bräuchten wir aber keine Wissenschaftler).

So gibt es z.B. immer wieder seriöse Ärzte, die in ihrer Krebsdatei Häufungen von Krebsfällen in Hochhäusern feststellen, auf denen Mobilfunkantennen stehen.

Dazu ist zu sagen: Man muß für eine seriöse Forschung mindestens den Gegenversuch ohne Mobilfunkantenne aber mit Hochhaus machen, dabei wird man vielleicht herausbekommen, daß Menschen in Hochhäusern grundsätzlich eine schlechtere Gesundheit haben. Einzelne Ärzte haben in der Regel einfach nicht genug Daten zur Verfügung, um eine statistisch wirksame “signifikante” Aussage zu machen.

Vergleich mit anderen Umwelteinflüssen

Es gibt viele bekannte Umweltgifte, deren Wirkung längst verstanden und bewiesen ist: Blei, Benzole, PVC-Weichmacher, aber auch Nikotin, zuviel Cholesterin, zuviel Zucker, Dioxine, Lösungsmittel.. Sollten wir nicht, bevor wir Geld ausgeben für eine Maßnahme, deren Wirkung zweifelhaft ist, besser unser Geld für Schutz vor objektiven Gefahren ausgeben?

Ich rede nicht mal von Atommüll, den wir unseren kommenden Generationen überlassen, selbst wenn kein weiteres AKW jemals explodieren wird?

Atommüll muß noch dazu für Tausende von Jahren von der Atmosphäre weggesperrt werden, so daß selbst die Terroristen der Zukunft, seien es Einzelne oder Regierungen, das Material nicht zur Erpressung oder für Anschläge verwenden können. Diesen Kampf haben wir m.E. allerdings schon verloren.

Um wieder auf den Netzfreischalter zurückzukommen:

Schaltet man in einem Zimmer ab, hat man meist wenig gewonnen. Da man ja näher zum Boden eines Raumes schläft als zur Zimmerdecke, kommt es viel eher darauf an, ob der untere Nachbar an der gewünschten Stelle einen NFS einbaut, (wenn die Leitungen, wie meistens, durch die Decken laufen.) Ein NFS “schützt” in erster Linie die Sphäre des oberen Nachbarn.

Noch dazu: Wir leben nunmehr seit ca. 100 Jahren mit allen Arten von Funkwellen, man mag es begrüßen oder nicht. So sind Radiosender und Fernsehsender, ja auch das Fernsehkabelnetz viel stärkere Sender als jede Mobilfunkstation. Da werden manchmal mehr als 1000 Watt elektrischer Leistung verbraten, ein Handymast sendet dagegen etwa 10-30 Watt ab. Natürlich sind Mobilfunk-Basisantennen viel häufiger als Radiosender, aber warum kämpfen die Elektrosmoggegner nicht viel intensiver gegen die stärkeren Funkleistungen, die es schon länger gibt?

Dazu gibt es die durchaus in Grenzen nachvollziehbare Meinungen, Mobilfunkwellen können Resonanz mit bestimmten Molekülen hervorrufen, was andere Radiowellen wegen der viel längeren Wellenlänge nicht können. Andererseits dringen Mobilfunkwellen nicht besonders tief in den Körper ein, (wenige Millimeter: Wasser dämpft), Radiowellen gehen dagegen besser hindurch.

Aber: Man muß nach meiner Meinung weiter forschen und die Grenzwerte nicht verschlechtern, und nicht hysterisch reagieren. 80 Millionen Mobilfunkkunden in Deutschland sind – man kann sagen leider – eine deutliche Abstimmung mit Füßen.

Eine andere Befürchtung ist oft, daß sogenannte gepulste Funkwellen besonders schlimm seien, da in einem Frequenzbereich gepulst wird, der nahe an unseren Gehirnwellen liegt. Aber auch hier ist die Forschung noch nicht in der Lage, die Hypothese zu bestätigen. Eine erste Forschergruppe hat einen schwachen Zusammenhang erkannt, als man das Experiment wiederholte, konnte das nicht bestätigt werden.

Aber: Die erste Untersuchung (bad news is good news) fand ihren Weg in alle Presseorgane, die Entwarnung oder Abschwächung der Aussage ist nicht sensationell genug.

Es ist halt nicht so einfach.

Leider ist es sehr einfach, die Verbindung “Mobilfunk – Elektrosmog – Blut-Hirn-Schranke – Krebs” einfach als Vermutung in den Raum zu stellen (ebenfalls noch nicht wissenschaftlich belegt), so ein einfacher Satz bleibt hängen, und man sieht wie schwierig es ist, das argumentativ in einen wissenschaftlichen und argumentativen Rahmen zu stellen, wie ich es in diesem Beitrag versuche.

Es gibt zudem ein logisches Problem: Niemals wird es einem Menschen gelingen, nachzuweisen, daß eine physikalische Wirkung unschädlich ist: Schon morgen kann eine neue Studie neue Erkenntnisse bringen. Vielleicht bringt die 7001. Studie den Durchbruch in der Erkenntnis? Oder die 70.000ste?

Insofern wird das Thema Elektrosmog noch ewig weitergehen, aber wer hat die Ressourcen, alle beunruhigten Menschen einzeln aufzuklären, wie ich es versuche? Wieviel Prozent der Menschen lesen überhaupt bis hier hin?

Andreas Delleske, im März 2005.

Ich war von 1998 bis 2006 als Elektroplaner tätig und leite meine Kenntnisse aus jahrelanger praktischer Beschäftigung mit Elektronik und nicht zuletzt aus einem Physikstudium ab.


Angelegt von: Andreas Delleske (ande) 01.01.2017 00:00, zuletzt geändert von: Andreas Delleske (ande) 01.01.2017 00:00, 828 Seitenabrufe