Erste Idee: Zeit ersetzt Geld

Vor vielen Jahren hatte ich mal die “Eingebung”:

Wann immer ein Mensch auf der ganzen Welt Geld für eine Ware oder Dienstleistung zahlt, steht am anderen Ende der Transaktion immer ein Mensch (wie z.B. beim Schuhputzer) oder mehrere Menschen (wie beim Restaurant), ganz viele Menschen an einem Förderband und beim Autohändler (beim Kauf eines Autos). Aber auch wenn ich ein Liter Erdöl kaufe, geht am Anfang der Förderkette des Öls kein einziger Cent dieses Geldes durch einen großen Schlitz in die Erde zum Dank, sondern am Wegesrand dieser Produktionskette wird immer nur Geld für Arbeit gezahlt: Die Arbeit des Erschließens des Ölfelds, Installation der Pumpen, Transportfahrzeuge werden von Menschen gesteuert, die Raffinerie usw. bis zum Mensch an der Tankstelle. Auch der Mensch der die Umweltschädigungen beheben muß wird durch meine Kaufentscheidung mehr oder weniger tätig, vielleicht nicht sofort aber bald. Ich bezahle ihn nur nicht direkt.

Zahlungen an Versicherungen sind im Grunde Zahlungen an solidarische Geld- alias Arbeitsspeicher: Wenn es mir mal schlecht geht, so der Plan, erhalte ich Geld und kann Arbeitskraft bezahlen um mich aus der mißlichen Situation hinauszumanövrieren oder um gesund zu werden, – meine Arbeitskraft zu erhalten: Es wäre volkswirschaftlich viel teurer mitansehen zu müssen wenn zumal ein gut ausgebildeter Facharbeiter zu früh aufhören muss zu arbeiten. Ethisches Handeln kann ganz praktisch sein.

Es kann natürlich sein und kommt oft vor daß wir “zuviel” Geld für ein bestimmtes Produkt oder eine Dienstleistung bezahlen, daß das was wir real bezahlen eigentlich noch vielmehr mehr Hände und Köpfe zum Tätigsein, Arbeiten bringen könnte, weil zum Beispiel Spekulation mitspielt (wie beim Öl, aber auch leider nicht selten bei der Wohnungsmiete). Oder jemand ist ganz schlau und bereichert sich einfach weil er es kann, kraft eines Monopols.

Würden wir aber allein die Arbeit betrachten, könnten wir sehr schnell auf sehr faire Art herausfinden, was die Dinge wirklich wert sind.

In unser heutigen monetären Tausch- und Spekulationswirtschaft finden wir es nicht befremdlich, wenn einem Menschen Milliarden Euro gehören und dem anderen, obwohl er vielleicht auch 40 Stunden in der Woche arbeitet, fast gar nichts.

Würden wir probehalber mal Geld in Arbeit zurückrechnen (bei einem mittleren Arbeitslohn von 40 EUR etwa, inkl. Steuern und allem Drum und Dran) kämen wir darauf, daß ein Aldibruder besipielsweise soviel Geld hat, daß er (Börsencrashs mögen zwar etwas dran ändern) sagenhafte zehn Milliarden Stunden für sich arbeiten lassen könnte.

Nur mal angenommen, ein Mensch könnte 12 Stunden am Tag für andere arbeiten und dies vom Alter von 20 bis zum angenommenen Tode von 80 Jahren, kämen wir auf 700.800 Stunden theoretisch möglich maximal akkumulierbares Arbeitskapital von 262.800 Stunden.

Herr Aldi (ich meine den verbliebenen alten Herren ja nicht persönlich, sondern nur als Beispiel für viele) hat also kraft seines Reichtums die Berechtigung, 38.050 Menschen für sich arbeiten zu lassen. Und wir dachten, die Sklaverei wäre schon abgeschafft! (Da er aber vielleicht nur noch 20 Jahre leben wird müßte diese Arbeit natürlich von dreimal sovielen Menschen ausgeführt werden, um das Konto wieder auf Null zu stellen).

Die interessanteste Frage: Wer räumt ihm dieses Recht ein und auf Grundlage welcher ethischen Überlegung? Wem nützt unser System und wem schadet es?

Ein Sinn unseres heutigen Geldsystems ist der Tausch von Ware gegen Ware, Ware gegen Dienstleistung. Ich sehe nicht warum das vor dem Hintergrund der prinzipiellen Umrechenbarkeit von Lohn in Arbeitsstunde nicht auch durch den Austausch von Arbeitsstunde gegen Arbeitsstunde möglich sein soll: Es ist vielleicht richtig daß die Arbeit eines Arztes mehr wert sein kann als die Arbeit eines Tellerwäschers (oder Angestellter der öffentlichen Dienstes?), aber wenn er in unserem heutigen System so sehr viel mehr verdient, bezahlt er ja auch viel mehr Steuern – wir versuchen die Unwuchten unseres Geldsystems ja jetzt schon auszugleichen.

Ein anderer Sinn unseres Geldsystems ist die Akkumulation von Arbeit – damit man von anderen gepflegt und ernährt wird – sollte man mal nicht mehr arbeiten können. Das wäre mit dem Zeitkonto auch zu lösen. Wenn ich 1000 Stunden “auf die Bank” gearbeitet habe, warum soll ich nicht eines Tages davon profitieren? (Arbeit kennt keine Inflation, wenn die Ausführungsqualität der Arbeit gleich bleibt)

Und wir hätten jederzeit einen Überblick: Wenn jemand vorgibt mehr als 300.000 Stunden gearbeitet zu haben, kann was nicht stimmen. Es könnte wie auch im realen Leben Menschen mit dauerhaft negativem Zeitkonto geben: Kranke und psychisch Labile und Menschen die einfach nicht arbeiten möchten (warum auch immer).

Jeder trüge sein Arbeitskonto vielleicht nicht öffentlich mit sich herum, es wäre aber auch keine Schande es bei Bedarf nachsehen zu können.

Wenn also Leute wenig arbeiten würden und aber auch wenig Hilfe von anderen benötigten (vielleicht nur Essen, Miete, ein bißchen Energie und Kultur, Bildungsleistungen) wäre das ja mit dem Arbeitsstundenparadigma prima zu machen!

Ob die Musse Früchte trägt (ein Buch, kulturelle und Bildungsleistungen für andere) könnte man offen lassen.

Und wer wirklich ganz viel gearbeitet hat, dürfte sich auch – warum nicht – von drei Menschen gleichzeitig bis zum Lebensende betreuen lassen. Mehr Luxus wird aber nicht zu erreichen sein, und Hand aufs Herz: wer braucht das?

Wer stirbt, dessen Arbeitszeitkonto erlischt. So werden immense Spekulationsblasen vermieden bei denen ein Mehrfaches von aus dem Nichts erschaffenem Geld um die Erde tobt, ohne dass überhaupt genügend Arbeitskraft zur Verfügung stünde, dieses Guthaben jemals gegen ein reales Produkt einzulösen.

Vielleicht erhält auch jeder Erdenbürger bei seiner Geburt in etwa soviele Arbeitsstunden auf seinem Zeitkonto, wie nötig sind, um ihn zu ernähren, beherbergen, bilden bis er mit 20 Jahren selbst anfangen kann das Konto zu mehren?

Vielleicht würden diese beim Start gegebenen Arbeitsstunden ab dem Alter von 20 wieder abgebucht, verteilt auf die restliche Lebenserwartung?

Hier gäbe es sicher noch einiges zu feilen, aber ist das nicht eine bestechende Idee? Und wir haben ja schon vieles begonnen ohne die Konsequenzen zu bedenken oder erforschen wie z.B. Religion oder Atomkraft – warum nicht mal einen Versuch wagen?

Ich habe erst Hoffnung für uns, wenn Themen wie diese in der Tagesschau kommen. Und selbst dann dauert es noch 30 Jahre, wie bei den erneuerbaren Energien.


Andreas Delleske am 27. November 2009, 03:08


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